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Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken


Kabbala

Das Wissen um die geheime Bedeutung der Buchstaben geheim im gleichen Sinn wie das Geschlecht geheim, in der Verborgenheit, neues Leben zeugt blieb die Wissenschaft der Priester, der Leviten. Sie hat folgende Grundlage: hebräisch sind Buchstaben und Zahlenwerte gleichbedeutend. Nur aus der Stellung eines Wortes im Satz läßt sich feststellen, ob es sich um Zahl oder Buchstaben handelt:

1 Aleph
2 Beth
3 Gimel
4 Daleth
5 He
6 Waw
7 Sajin
8 Cheth
9 Teth
10 Jod
20 Kaf
30 Lamed
40 Mem
50 Nun
60 Samech
70 Ajin
80 Pe
90 Tsade
100 Kof
200 Resch
300 Schin
400 Taf

insgesamt
22 Buchstaben

Aus der Bedeutung der Zahlen, wie sie sich im kosmischen Denken entwickelt haben, ergibt sich die Bedeutung des Zahlenschlüssels:

0liegt vor der Schöpfung, ist also Chiffre für Gott als die Urkraft, gleichzeitig aber Kennzeichen einer abgeschlossenen Periode;
1ist der Schöpfer,
2ist die Dualität von Licht und Finsternis,
3ist der Mann,
4ist die Frau,
5ist das Kind,
6ist das Tagwerk; die sechs Dualitäten sind:
1)Himmel und Erde, Licht und Finsternis,
2)Wasser und Firmament,
3)Land und Wasser, samentragende und fruchtbringende Gewächse,
4)großes Licht und kleines Licht,
5)Leben auf dem Wasser,
6)Mann und Frau.
7ist der Tag der Ruhe,
8ist die Vollendung jenseits der Sieben,
9ist die Vollendung der Drei, des Mannes,
10ist die Ordnung, die ihren Ausdruck später in den zehn Geboten gefunden hat.

Jeder Zehner oder Hunderter bedeutet eine Wiederholung des gleichen Zusammenhangs auf höherer Ebene. 40 Tage ist ein in sich geschlossener Zeitraum der Erfüllung, 400 Tage die längste Periode, in der es eine Kontinuität gibt; so die Gefangenschaft in Ägypten. Die Zahl 500 als Abschluß jenseits der Buchstabenordnung bedeutet das Heil jenseits der Welt, die erfüllte Gotteskindschaft.

Hierbei gilt es einen geläufigen Irrtum richtigzustellen: es gibt keinen Gegensatz zwischen den verschiedenen Zahlensystemen. Das Wesen jeder Zahl ist die Periodik. Doch unterscheidet sich die Bedeutung der verschiedenen Periodizitäten, wodurch eben die Zahlenbedeutung überhaupt entsteht. So ist 1 immer Einheit und Beginn, und seine Periodik die Reihe der natürlichen Zahlen. 2 entsteht aus 0 und 1, nichts und etwas, bei den Chinesen Yin und Yang. LeibnizVerweis in Geschichte der Denkstile hat gezeigt, wie der I Ging eine bestimmte Stufe des dyadischen Systems bedeutet, das sich nur in der Schreibweise vom Dezimalsystem unterscheidet, und zwar gleichsam in der sechsten Oktave, da die Musik und damit alle Zeitlichkeit als Ursprung der Wandlung dem Oktavgesetz folgt:

dyadisches
System:
Dezimal-
System:
Periodik
der Oktave:
24 im I Ging
dargestellt:
     0
1
10
11
100
101
110
111
1000
1001 usw.
   0
1
2
3
4
5
6
7
8
9 usw.


1 = 1
10 = 2
100 = 4
1000 = 8
10000 = 16
100000 = 32
I  G i n g  Z e i c h e n  2 4
I  G i n g  Z e i c h e n  2 4

Wesentlich hierbei ist, daß die Bedeutung der Zahlen und ihrer Periodik unabhängig von der gewählten Schreibweise bleibt. Das Dezimalsystem ist gleichzeitig all die anderen Systeme. Nimmt man eine dyadische oder nonale Schreibweise, so will man das Augenmerk eben auf diese Qualität lenken. Diese Gedanken wurden von der pythagoräischen und islamischen Philosophie kritisch weiterentwickelt. Bei den Israeliten bildeten sie Schlüssel der Offenbarung. Aus dem Buchstabenwert ließ sich die besondere Bedeutung sowohl eines Namens als auch eines Sündenfall dem Gesetz der Zweiheit anvertraute, ist er an diese verhaftet; seine Aufgabe wäre es, den Weg zur Einheit mit Gottes Willen zurückzufinden. Dieser Weg wird im Beispiel der fünf Bücher Mosis veranschaulicht, die, wie Friedrich Weinreb nachgewiesen hat, bis ins letzte dem Buchstaben-Zahlenschlüssel folgen.

Am Anfang stehen die beiden Schöpfungsberichte; der siebenstufige der Elohim, und der neunstufige des Jod-He-Waw-He. Der Zahlenwert dieses letzteren, 10 + 5 + 6 + 5 = 26, ist das Maß der Geschlechterfolge der Thora.

1. Jod, zehn Geschlechter2. He, fünf Geschlechter:
1.
2.
3.
4.
5.
Adam
Seth
Enos
Kenan
Mahaleel
6.
7.
8.
9.
10.
Jared
Henoch
Methusalah
Lamech
Noah
1.
2.
3.
4.
5.
Sem
Arpachsad
Salah
Eber
Peleg

Noah bedeutet den Abschluß der ersten Folge, Peleg, «zu dessen Zeit die Welt geteilt wurde», den zweiten. Die dritte führt bis auf Isaak:

3. Waw, sechs Geschlechter4. He, fünf Geschlechter:
1.
2.
3.
Regu
Serug
Nahor
4.
5.
6.
Thara
Abraham
Isaak
1.
2.
3.
Jakob
Levi
Kahath
4.
5.
Amram
Moses

Das fünfte Geschlecht der letzten Folge empfängt die Offenbarung am Sinai. Gott offenbart sich MosesVerweis in Geschichte der Denkstile mit folgenden Worten: «Ich bin der Herr und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott, aber mein Name Herr ist ihnen nicht offenbart worden.» Die Geschichte bis zur Offenbarung zeigt den Weg des Menschen in all seinen Irrungen und Möglichkeiten, wenn er als natürliches Wesen, also nicht über die Weltenthaftung wie bei den Buddhisten, das Heil erreichen will. Aus dem Zahlenschlüssel ergibt sich die Bedeutung aller Querzusammenhänge. Einige Beispiele: im zweiten Schöpfungsbericht hat der Dampf, der über den Wassern schwebte, den Zahlenwert AD 1 - 4. Der Mensch Adam hat den Wert 1 - 4 - 40. Der Baum des Lebens, der Frucht ist, bedeutet die 1, der Baum der Erkenntnis, der Frucht macht, die 4. Die Erde, Adama, 1 - 4 - 40 - 5, geht um die 5 über Adam hinaus. Wahrheit hat den Wert 1 - 40 - 400, Tod den Wert 40 - 400, und Blut den Wert 4 - 40; beiden fehlt die 1. Die Schlange, Nahash, ist 50 – 80 - 300. Der Fall, Naphol, 50 – 80 - 30, und schließlich die der Erde verhaftete Leibseele (im Unterschied zur Geistseele) Nephesh, 50 – 80 - 300. Auch der Weinstock, Gephen, gehört zu letzterer Bedeutungsgruppe; er hat den Wert 5 - 80 - 50.

Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. Wichtig hierbei aber ist, daß es sich nicht um einen rational philosophischen, sondern um einen mythischen Wortschlüssel handelt, dessen Wahrheit auf der Ebene der Dichtung gelegen ist, was nicht hindert, daß der Zusammenhang bis ins letzte stimmt und durchgeführt werden kann.

Siehe auch Kabbala
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit
Grundmächte des Seins
Strahlen der Wahrheit
Kabbala der Identität
Mittwoch, 8. September 2010 | Home · Kontakt · Impressum · Drucken  onTOP